Leseprobe : “Die Fertigmacher” von Werner Rügemer und Elmar Wiegand

United Parcel Service 

Labor-Relations, PI-Security und Monitoring

 Beim weltgrößten privaten Paketdienst United Parcel Service (UPS) ist die Ablehnung von Gewerkschaften nicht nur zentraler Bestandteil der Unternehmenskultur, deren Abwehr ist vielmehr integraler Teil der Firmenstruktur. Gleich drei Abteilungen sind damit befasst, den Einfluss von Gewerkschaften und arbeitgeberunabhängiger Organisierung zu erfassen und einzudämmen: Eine spezielle Labor Relations Abteilung filtert und lenkt die Kommunikation mit gewerkschaftsorientierten, konfliktbereiten Betriebsräten, die Abteilung PI-Security ist u.a. für Überwachung und Kontrolle der Mitarbeiter zuständig, die sog. Employee Relation Committees führen ein ständiges Monitoring der Mitarbeiterzufriedenheit durch, welches als Frühwarnsystem für gefährliche Unzufriedenheit – also drohenden Gewerkschaftsbefall – gelten muss.

Bei UPS gibt es auffällige Ähnlichkeiten der Management-Techniken mit der Management-Technologie der Scientology XE “Scientology” -Organisation.[1] Wer als einfacher Angestellter anfängt, wird davon zunächst nicht behelligt, muss sich aber an ein paar Besonderheiten gewöhnen. So berichtete die Tageszeitung Die Welt 1997, dass einerseits Vollbärte untersagt seien, andererseits denjenigen Belohnungen winken, die “ein ehrloses Verhalten gegen die Firma” durch Kollegen meldeten. Ebenso seien Liebesbeziehungen unter Angestellten verpönt.[2]

Der strategische Fokus des Union Busting bei UPS liegt nicht in der völligen Verhinderung oder Zerschlagung von Betriebsräten, sondern in der möglichst weitgehenden inhaltlichen und personellen Beeinflussung der BR-Gremien. Hierzu gehört auch eine intensive Einmischung in den BR-Wahlkampf.

Ende 2012 gab es an 23 von 72 UPS-Standorten in Deutschland Betriebsräte. Nur an vier Standorten haben – nach Informationen der Internationalen Transportarbeiter Föderation (ITF) –  zu diesem Zeitpunkt arbeitnehmerorientierte ver.di-Betriebsratsmitglieder die Mehrheit (Stuttgart-Ditzingen, Flughafen Köln-Bonn, Mainz Gustavsburg, Herne).[3] Der UPS-Gesamtbetriebsrat ist dementsprechend von managementtreuen BR-Mitgliedern dominiert.

Die Abteilung Labor-Relations ist neben gelernten Juristen mit diversen ehemaligen Mitgliedern oder gar Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats besetzt. Die Eindämmung und Verhinderung gewerkschaftlicher Aktivitäten sowie die Vorbereitung und Durchführung eines gelben Betriebsratswahlkampfs gehört zu den Aufgaben der Abteilung.

Bei UPS lassen sich insbesondere im Vorfeld der turnusmäßigen Betriebsratswahlen Methoden und Strategien studieren, wie sie der Begründer des modernen Union-Busting, Nate Sheffermann XE “Sheffermann, Nathan”  (ab ca. 1936) und sein Schüler John Sheridan XE “Sheridan, John”  (ab den 1960er Jahren) in den USA entwickelt haben. Sheffermann leitete  die LaborRelations-Abteilung des Versandhauses Sears Roebuck XE “Sears Roebuck” , also ein ähnliches Inhouse-Department, bevor er sich als Berater selbständig machte. Sheridan Associates propagierte die Strategie, einfache Mitarbeiter vor Gewerkschaftswahlen nicht direkt zu bearbeiten, sondern ihre direkten Vorgesetzten als verlängerten Arm zu benutzen.[4] Bei UPS werden – in Analogie dazu – die Gruppenleiter (Leadclerks) von der Labor-Relations-Abteilung intensiv unter Druck gesetzt und systematisch benutzt, um Wahlkampf zu führen und Stimmen für gelbe BR-Listen zu organisieren.

Die nachweisbare Lenkung und Förderung gelber BR-Listen durch Teile des Managements ist mit geltendem Recht nicht in Einklang zu bringen. Auch das Aufstellen von Leitungspersonal und LaborRelations-Spezialisten als BR-Kandidaten geht am Sinn und Zweck des Betriebsverfassungsgesetzes vollkommen vorbei.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen UPS-typische Umfragen mit Namen wie “Employment Relation Index” (ERI, Index der Mitarbeiterbeziehungen) oder “Employee Engagement Survey” (EES, Umfrage zum Mitarbeiterengagement) [5], die bei UPS regelmäßig stattfinden. In die Tradition des US-amerikanischen Union-Busting sind solche Industrie-psychologischen, (pseudo-)wissenschaftlichen Umfrage- und Monitoring-Methoden nach dem 2. Weltkrieg ebenfalls von Nate Shefferman eingeführt worden. Sie gehören seit den 1970ern zum Standardrepertoir der US-amerikanischen Union-Busting-Berater, sichern sie ihnen doch Aufträge und Umsätze, auch wenn keine Gewerkschaftsaktivität messbar ist. Damit der gewerkschaftsfreie Status gehalten werden kann – so das Verkaufsargument -, muss die Belegschaft ständig auf ihre Befindlichkeit befragt werden, um möglichst frühzeitig reagieren zu können. Gelingt es einer Gewerkschaft, Fuß zu fassen, so wäre die Schuld bei den betreffenden Abteilungsleitern zu suchen und bei ihrer Unfähigkeit, zu führen und Probleme frühzeitig zu erkennen .[6] [7]Schlechte Ergebnisse können personelle Konsequenzen für die Vorgesetzten haben, entsprechend nervös sind die UPS-Führungsfiguren vor den EOS/ERI-Befragungen, entsprechend groß ist wiederum die Versuchung, Angestellte zu richtigen Antworten anzuleiten und die Umfragen zu frisieren. Diese werden laut Gesamtbetriebsvereinbarung 2010 online durchgeführt.[8]

Der UPS-Mitarbeiter Ilker E., BR-Mitglied  am Standort Köln-Bonn, war in den letzten Jahren sicher nicht besonders zufrieden mit seinen Beziehungen zu Vorgesetzten. Er soll laut Pressebericht mit folgenden Methoden drangsaliert worden sein:

 

  • eine Welle von 16 Abmahnungen
  • unvollständige Gehaltsüberweisungen
  • Schikane und Mobbing am Arbeitsplatz durch belastende und stupide Tätigkeiten

 

“Zum Beispiel musste er einmal stundenlang dastehen und beobachten, wie sich ein Tor immer wieder öffnet und schließt – eine fast sinnlose Tätigkeit. So etwas macht einen fertig”, berichtet der ITF-Sekretär Ramazan Bayram. Als Ilker E. dem Druck nicht länger standhielt und krank wurde, erhielt er im Jahr 2012 Post vom Arbeitgeber (vertreten durch Dr. Volker Bissels XE “Bissels, Volker” , CMS Hasche Sigle XE “CMS Hasche Sigle” ): Wegen häufiger Fehlzeiten würden “Betriebsstörungen und wirtschaftliche Belastungen” hervorgerufen, die “die Weiterführung des Arbeitsverhältnisses unzumutbar gestalten und somit zur Kündigung aus wichtigem Grund ohne Einhaltung der Kündigungsfrist berechtigen”, wird die UPS-Rechtsauffassung zitiert.[9]

Das Unternehmen greift bei der juristischen Umsetzung von Kündigungen, Verträgen, Prozessen auf die oberste Riege der Rechtskonzerne und ihrer Arbeitsrechtsabteilungen zurück: CMS Hasche Sigle, Freshfields Bruckhaus Deringer XE “Freshfields Bruckhaus Deringer” , Justem XE “Justem” .[10] Prof. Dr. Renate Dendorfer-Ditges XE “Dendorfer-Ditges, Renate”  (Kanzlei Heussen XE “Heussen (Kanzlei)” , München) wurde für eine aufwändige wie fruchtlose Mediation am Standort Köln-Bonn heran gezogen.[11]

Negative Publicity scheint UPS in Deutschland durchaus empfindlich zu stören, was beim Blick auf den umkämpften und boomenden Paketmarkt verständlich erscheint, umso mehr als UPS seit längerem die Übernahme des kleineren Konkurrenten TNT Express XE “TNT Express”  plante.[12] So erscheint es aus Sicht des Unternehmens strategisch durchaus ratsam, einige Betriebsräte und ein gewisses Maß an unabhängiger Gewerkschaft leben zu lassen, um die öffentliche Meinung nicht über Gebühr zu verschrecken. Sobald Gewerkschafter und befreundete Listen die Mehrheit in einem BR-Gremium erringen können und von ihren Gestaltungsmöglichkeiten konsequent Gebrauch machen, scheint das erträgliche Maß allerdings überschritten zu sein.

Eine Zunahme des Union Busting sowohl in Menge als auch Intensität ist zu beobachten, sobald überregionale Organisierungsprozesse einsetzen und die Autonomiebestrebungen von Kollegen – hier durch Gründung von ver.di-Betriebsgruppen – zunehmen.

Sobald sich ein gewerkschaftlich orientierter Betriebsrat formiert, werden ihm vor Ort LaborRelations-Spezialisten entgegen gesetzt. Diese filtern einerseits die Kommunikation mit dem Betriebsrat und versuchen andererseits, dessen Basis in der Belegschaft zu verringern. Ab 2000/2001 versetzte die LaborRelations-Abteilung der UPS-Deutschland-Zentrale in Neuss Mitarbeiter an den Standort Köln-Bonn, um eine festgestellte Unzufriedenheit und beginnende Organisierungsbewegung in der Belegschaft zu kontern. Zur selben Zeit war mit Murat S. ein selbstbewusster Gewerkschafter am strategisch wichtigen Flughafen in das BR-Gremium gelangt[13]. Kurz darauf richtete ver.di eine UPS-Projektstelle ein, so dass sich der Sekretär Günter T. eigens mit dem braunen Riesen befassen konnte.

In der UPS-Hauptumschlagsbasis am Köln-Bonner Flughafen fiel die Idee der Gewerkschaft damals auf fruchtbaren Boden. Ver.di schrieb 2004: “Dabei hat das UPS-Management mittlerweile seinen Ruf mit Erfolg ruiniert. Insbesondere, was Mobbing von Vorgesetzten betrifft, ist das amerikanische Unternehmen gerichtsnotorisch bekannt. Zeitweilig waren neun Klagen anhängig, fünf Kollegen haben dem Druck nicht standgehalten, vier Verfahren gegen die rüden Methoden laufen noch. […] >>Einmal hieß es gegenüber einem betroffenen Kollegen sogar‚ komm, beleidige mich, damit ich dich rausschmeißen kann<<, erinnert sich Betriebsratsmitglied Murat S. Offenkundig gelten Recht und Gesetz bei UPS wenig. [..] Dabei bewirkt die Konfrontationsstrategie exakt das Gegenteil: Die Zahl der ver.di-Mitglieder bei UPS am Flughafen ist binnen weniger Monate von 50 auf 250 gestiegen, Tendenz steigend.”[14]

Die Gewerkschaftsmitglieder am Flughafen Köln-Bonn gründeten 2003 eine Betriebsgruppe; sie konnten – in Koalition mit einer befreundeten Liste – bei den Wahlen 2002, 2006 und 2010 die Mehrheit im Betriebsrat behaupten. 2008 führten sie einen Warnstreik durch. Sie konnten eine Betriebsvereinbarung erringen, die nicht zuletzt in Sachen Überstunden und Teilzeit wichtige Verbesserungen brachte.

Diese Erfolge werden von engagierten Gewerkschaftern und BR-Mitgliedern allerdings mit körperlichen, seelischen, beruflichen und familiären Beeinträchtigungen teuer bezahlt.

 

[1]      Diese Aussage trifft die Stuttgarter Aktion Bildungsinformation e.V., die sich u.a. auf die Beobachtung von Psychosekten spezialisiert hat, in einer Pressemitteilung vom 20.09.2001. UPS gelang es auch durch Klagen über zwei Instanzen nicht, diese Aussagen zu verhindern. http://www.abi-ev.de/pr200901i.htm, abgerufen am 09.01.2013

[2]            Katja Ridderbusch: Knallharte Regeln – Was UPS seinen Mitarbeitern alles verbietet, Die Welt, 06.09.07, http://www.welt.de/1161436, abgerufen 21. 12. 2012

[3]      Information laut ITF, per email 14.10.2012

[4]      “Der Vorarbeiter, der direkte Vorgesetzte, hat in jeder Branche den miesesten Job – beobachtet und belästigt vom oberen Management, von den Arbeitern argwöhnisch betrachtet. Er steht allein in der Mitte und hat niemanden an seiner Seite. Die Isolation und Verletzlichkeit des Vorgesetzten machen ihn zum idealen Werkzeug für Union-Busting Kampagnen” (Levitt/Conrow, S. 22)

[5]      UPS: Employee Engagement Survey 2012

[6]      Martin Jay Levitt, : Confessions of a Union Buster, New York 1993. S. 137 f.

[7]      John Logan: The Union Avoidance Industry in the United States, British Journal of Industrial Relations Jhg. 44 / Nr. 4, Oxford. S. 661 ff.

[8]      Gesamtbetriebsvereinbarung EOS zwischen UPS-Gesamtbetriebsrat und UPS 2010.

[9]      Daniel Behruzi: Erneuter Streß bei UPS, junge Welt,  18.10.2012, http://www.jungewelt.de/2012/10-18/039.php

[10]           Letztere gehören in die Liga spezialisierter Arbeitsrechtskanzleien mit lokalem Standort Frankfurt a.M.

[11]     Sie stellt sich selbst so dar: “Prof. Dr. Dendorfer-Ditges vertritt überwiegend Unternehmen, aber auch Vorstände, Geschäftsführer und leitende Angestellte, häufig in Kooperation mit ausländischen Anwaltsbüros in den Fällen internationaler Fragestellungen.” Wenig vertrauenserweckend wirken – in unserem Zusammenhang – auch von ihr gehaltene Referate mit Titeln wie  “Rechtliche Fragen der Arbeitnehmerüberwachung im Unternehmen” (2003) oder “Die Abkehr von der Streithansel-Kultur – Wirtschaftlicher Erfolg durch Alternative Streitbeilegung” (2002). Quelle: Übersicht, Prof. Dr. Renate Dendorfer-Ditges, LL.M. MBA, http://www.heussen-law.de/anwalt.html?ra=12, abgerufen am 07. 01. 2013, sowie Seminare und Vorträge, Prof. Dr. Renate Dendorfer-Ditges, LL.M. MBA, http://www.heussen-law.de/anwalt.html?ra=12&sub=3, abgerufen am 07. 01. 2013

[12]     Die Übernahme wurde Anfang 2013 offiziell aufgegeben: UPS scheitert in Brüssel, Süddeutsche Zeitung, 15. 01. 2013

[13]         Der Flughafen Köln-Bonn ist das UPS-Drehkreuz für Europa und bildet mit rund 2.400 Mitarbeitern eine der größten Einheiten.

[14]     Ruinierter Ruf, ver.di bewegen – Speditionen und Logistik am 16.08.2004

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